Marie-Kathrin

Wie Lesen die Seele heilen kann

Hast du schon einmal die Erfahrung gemacht, dass ein Buch dein Leben verändert hat? Dass es eine Art heilsame Wirkung auf dich hatte und du nach dem Lesen in einer fröhlicheren Stimmung warst, dich leichter oder klarer gefühlt hast? Das ist die Heilkraft der Bibliotherapie. Wenn du mehr darüber erfahren willst, bist du hier genau richtig!

Lesen ist für mich schon immer ein wichtiger Teil von Selbstfürsorge und auch eine Art persönliche Medizin. Es beruhigt mich, ein Buch zur Hand zu nehmen, wenn ich einen herausfordernden Tag hatte oder mich reizüberflutet fühle. Ich greife auch automatisch zu Literatur, um mich oder andere besser zu verstehen. Unbewusst praktiziere ich Bibliotherapie also schon eine ganze Weile, nur wusste ich nie, dass dieses Konzept auch einen Namen trägt. Und ich vermute mal, dass es dir damit ähnlich geht ;-).

Die Bibliotherapie gehört zu den künstlerischen Therapieformen und geht davon aus, dass das Lesen bestimmter Literatur eine beruhigende und aufbauende Wirkung auf die mentale Gesundheit hat.

Vielleicht hast du mal einen Roman oder eine Biografie gelesen und dich in den Gedanken oder Gefühlen der anderen Person wiedergefunden. Vielleicht hat diese Person auch genau dieselben Erfahrungen wie du gemacht oder musste sich ähnlichen Herausforderungen stellen. Wenn wir erleben, dass wir nicht alleine sind und es noch jemand anderen gibt, der ähnlich denkt oder fühlt wie wir, geschieht etwas sehr Besonderes. Wir erleben uns wieder als Teil von etwas – als Teil der Menschheit oder als Teil des großen Ganzen und das kann eine unglaublich heilsame Erfahrung sein. Vielleicht offenbart eine Figur in einer Geschichte etwas über sich, das mit dir in tiefe Resonanz geht und etwas in dir berührt.

Eines Abends stand ich im Badezimmer und putzte meine Zähne. Auf der Ablage vor dem Spiegel stand eine Duschgelflasche. Aus reiner Angewohnheit las ich mir das Etikett darauf durch und blieb dabei an einem Satz hängen:

Alles, was dich berührt, wird ein Teil von dir.

Ich hielt inne. Mein erster Gedanke dazu war, dass ich nie damit gerechnet hätte, so eine poetische Weisheit auf einer Duschgelflasche zu finden… Genau das geschieht jedenfalls auch in der Bibliotherapie: Worte, Gedanken oder Bilder berühren uns und werden dadurch ein Teil unseres Inneren. Ich würde den Satz sogar etwas umformulieren und Folgendes behaupten:

Alles, was dich berührt, ist ein Teil von dir. 

Du hast diesen Teil lediglich vergessen, verdrängt oder abgespalten, aber er gehört schon längst zu dir. Bibliotherapie kann dich also dabei unterstützen, dir über deine Gedanken, Gefühle und Verhaltensmuster bewusster zu werden. Sie leistet somit einen wertvollen Beitrag zur Selbstfindung und Persönlichkeitsentwicklung.

Im Rahmen meines Studiums analysierte ich mal ein Bilderbuch, in dem es um eine Haselmaus und einen Riesen geht. Beide sind Außenseiter, weil sie anders und besonders sind und deswegen fühlen sie sich sehr einsam. Die Maus fasst den Entschluss, ihre Heimat zu verlassen, um sich auf den Weg zu machen, einen Freund zu finden, der sie in ihrer Andersartigkeit akzeptiert. Der Riese hat eine etwas andere Strategie, mit der Situation umzugehen, aber letztlich führt dies die beiden Suchenden zueinander. In dieser Bilderbucherzählung werden der Leserin Wege vermittelt, wie sie herausfordernde Situationen besser bewältigen kann.

Bibliotherapie hilft nicht nur bei der Bewältigung von Problemen, sondern trägt auch dazu bei, eine neue Perspektive auf ein Thema einzunehmen oder eine andere Einstellung zu entwickeln. Um das verständlicher für dich zu machen, möchte ich dir eine kleine Anekdote von mir erzählen. Ich bin jemand, der mit nicht besonders viel Vertrauen in das Leben großgeworden ist. Es bereitet mir unglaublich viel Angst und Unbehagen, wenn sich etwas in meinem Leben verändert und ich nicht weiß, was das Neue mit sich bringt. Vor einer Weile las ich mal ein veröffentliches Tagebuch von einem sogenannten Aussteiger. Der Autor ist einem inneren Ruf gefolgt und hat sich mit seiner Hündin in den Wald zurückgezogen, um dort in einer Jurte zu leben. Der Start war für ihn sehr herausfordernd und ein anderer hätte vermutlich aufgegeben, aber er zeigte eine unglaubliche Resilienz. In seinem Tagebuch hielt er einen sehr kraftvollen Gedanken fest, den ich hier in meinen eigenen Worten gern wiedergeben möchte:

„Das hier ist die beste Gelegenheit, dem Leben zu vertrauen. Darauf zu vertrauen, dass es mir Menschen und Umstände schickt, die mir helfen werden, diesen Schritt zu bewältigen.“

Ich war ziemlich beeindruckt davon und wollte auch mal ausprobieren, wie es sich anfühlt, wenn ich dem Leben etwas mehr Vertrauen schenke. Seitdem ich begonnen habe, diese Haltung zu kultivieren, ist mir aufgefallen, dass ich viel gelassener geworden bin und die Dinge auch weniger kontrollieren will. Einfach, indem ich mir sage, dass mich das Leben schon nicht hängen lässt. Tatsächlich habe ich dann genau dies erleben dürfen, was eine wundervoll korrigierende Erfahrung für mein Nervensystem war. Eine Haltung zu entwickeln und zu bewahren erfordert jedoch Pflege und Achtsamkeit, denn es passiert sehr schnell, dass ich wieder in mein altes, eingefahrenes Muster zurückfalle. Aber Übung macht ja bekanntlich den Meister ;-).

Wenn du zu Bibliotherapie recherchierst wirst du vermutlich auch über den Begriff der Poesietherapie stoßen. Damit ist gemeint, dass das Verfassen eigener Texte – wie das Aufschreiben von Erlebnissen, Gedanken oder Gefühlen – ebenfalls förderlich für die psychische Gesundheit sein kann. Ich selbst schreibe schon seit vielen Jahren Tagebuch und ab und zu auch mal Gedichte. Dabei erlebe ich es immer wieder so, dass allein der verbale Ausdruck dessen, was gerade in mir ist, eine enorme Erleichterung für mich darstellt. In meinem ersten Blogbeitrag erwähnte ich das schon einmal. Ich nenne es das Ausdrücken der eigenen Wahrheit, das dich wieder zurück in deine innere Verbundenheit führen kann.

Was ich am Tagebuchschreiben auch so sehr mag ist, dass es niemanden gibt, der dich bewertet. Du kannst einfach alles rauslassen, was dich gerade bewegt oder beschäftigt, und es hat niemand etwas dagegen. In Gesprächen mit anderen Menschen habe ich es schon öfters erlebt, dass etwas gesagt wurde, was mir eher geschadet hat, oder es wurde ein vorschneller RatSchlag ausgesprochen, obwohl ich gar nicht danach gefragt hatte. Das Tagebuch ist daher oft mein bevorzugtes Ventil. Da kann nichts schiefgehen. 

Die beschriebenen Methoden finden übrigens auch in der Psychotherapie unterstützend Anwendung. Dort sucht entweder die Therapeutin geeignete Werke aus, die sie dem Patienten zur Verfügung stellt, oder sie regt ihn an, eigene Texte zu verfassen und sich darüber auszutauschen. Letzteres ist eine sehr schöne Idee, denn es kann manchmal ganz schön herausfordernd sein, mit einem Therapeuten über sich und sein Innenleben zu sprechen…

Ich schreibe hier auf meinem Blog übrigens auch bibliotherapeutisch, falls es dir schon aufgefallen ist. Ich freue mich, wenn sich jemand in meinen Worten und Erfahrungen wiederfindet und vielleicht auch die ein oder andere Strategie für sich entdeckt. Dafür zu sorgen, dass sich andere nicht mehr alleine fühlen und wieder in ihre Verbundenheit kommen, ist mir ein sehr großes Anliegen. Deswegen betreibe ich diesen Blog hier.

Wenn du mehr über die Heilkraft von Büchern erfahren möchtest, findest du interessante Einblicke in Silke Hermes’ Lesen macht gesund – die Heilkraft der Bibliotherapie oder auf Wikipedia.

Besonders heilsame Genres, die ich dir empfehlen kann, sind neben Tagebüchern und Biografien, Bellestristik, spirituelle Literatur, Psychologische Ratgeber und Poesie. 

Auf meiner Ressourcen-Seite entsteht eine Liste von Büchern und Gedichten, die mich auf meiner bisherigen Lebensreise sehr unterstützt haben. Sie sind immer genau zum richtigen Zeitpunkt in mein Leben getreten, haben mich gestärkt, getröstet oder mir Mut gemacht und mir gezeigt, dass Veränderung und Heilung immer möglich ist. Schau gerne hier vorbei, wenn dich das näher interessiert. Vielleicht bringt das ein oder andere Leseerlebnis ja auch eine Saite in dir zum Klingen! Das würde mich sehr freuen.

Noch eine kleine Anmerkung am Rande: In meinen Beiträgen verwende ich abwechselnd die männliche und weibliche Form. So möchte ich ein Gleichgewicht schaffen, damit sich niemand ausgeschlossen fühlt. Auch wenn ich nur die eine oder andere Form benutze, meine ich damit immer beide Geschlechter. Ich finde, so liest es sich einfach flüssiger und schöner, und ich hoffe, du verstehst, warum ich es so mache.

Alles Liebe
Marie-Kathrin

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