Marie-Kathrin

Zeiten der Ratlosigkeit

„Was soll ich nur tun?“ Ein Gedanke, der mich die letzten Monate immer wieder einholt und mich weiterhin ratlos zurücklässt. Es ist gerade schwierig für mich. Mein Leben fühlt sich seit den letzten Monaten so chaotisch an. Genauer gesagt, seitdem ich beschlossen habe, ein altes Kapitel hinter mir zu lassen und mich ins Unbekannte zu wagen. „Abenteuer beginnen, da wo Pläne enden“ , las ich damals auf einem Kalender und spürte, dass mir diese Worte Rückenwind gaben. Dass sich das Abenteuer aber so chaotisch entwickeln würde, hätte ich nicht gedacht. Aber im Leben kommt es eben immer anders, als man denkt oder wie John Lennon es so schön sagte: „Leben ist das, was passiert, während wir uns etwas ganz anderes vorgenommen haben.“

Mittlerweile bin ich mehr und mehr davon überzeugt, dass uns das Leben Situationen oder Umstände schickt – so unangenehm und unkomfortabel diese auch sein mögen – damit wir etwas daraus lernen und daran wachsen können.

Für mich ist diese Zeit der Ratlosigkeit eine gute Gelegenheit, um mich im Annehmen zu üben. Im Annehmen dessen, was gerade ist. Ich weiß gerade nicht weiter, sehe den Weg nicht und erst recht nicht das Ziel. Aber das ist okay. Ich darf mir erlauben, es nicht zu wissen. Vielleicht ist die Zeit dafür einfach noch nicht reif. Und vielleicht kann ich es auch nicht wissen, weil ich die Antwort nicht übers Nachdenken finden kann.

Mir sagte mal jemand, dass sich der nächste Schritt oft durch eine Begegnung oder ein Moment zeigt. Ein Moment, in dem wir vielleicht auch gar nicht über die Frage oder das Problem nachdenken.

Das Beste, was du in Zeiten der Ungewissheit und Ratlosigkeit tun kannst, ist, gut für dich dich zu sorgen. Ich habe es ganz oft erlebt, dass eine Lösung für ein Problem oder eine Antwort auf eine Frage viel besser zu mir finden, wenn ich entspannt bin und es mir gut geht. Folgende Fragen stelle ich mir gerne, um mich wieder regulierter zu fühlen:

  • Was bringt mir heute ein kleines bisschen Freude in meinen Alltag?
  • Was würde mich entlasten?
  • Wie kann es gehen, dass ich noch einen schönen Abend verbringe?

Vielleicht lässt du ein altes Hobby wieder aufleben oder entdeckst ein Neues. Ich habe zum Beispiel mit diesem Blog hier angefangen und sehe ihn als Übungsraum, um mich auszuprobieren und mein Schreiben zu verbessern. Es macht mir wirklich Freude, mich hinzusetzen, wenn ich eine Idee oder einen Einfall habe, und einfach anzufangen.

Manchmal sind es aber auch kleine Dinge, die schon so gut tun können: eine heiße Tasse Kakao oder ein schöner Film, der mich in eine entspannte und wohlige Atmosphäre gleiten lässt. Eine andere Sache, die mir auch immer wieder gut tut, ist es, raus zu gehen – sei es in den Wald, in den Garten oder in einen Park. Die Bewegung, die frische Luft und die Natur tun meinem Gemüt unglaublich gut und ich komme wieder bei mir selber an.

Selbstfürsorge kann ganz unterschiedlich aussehen. Ich denke, viele wissen intuitiv was ihnen gut tun würde. Die Sache ist nur, dass wir uns zu wenig erlauben, unseren Bedürfnissen Raum zu geben. Dabei ist genau das so entscheidend, damit wir wieder Zugang zu unserer inneren Stimme finden. Ich bin fest davon überzeugt, dass sie verstummt, wenn wir zu wenig von den Dingen tun, die uns nähren und stattdessen nur funktionieren und Entscheidungen mit dem Kopf treffen anstatt auf unser Bauchgefühl zu hören.

Auch wenn ich mehr und mehr die Dinge tue, dir mir gut tun, schleicht sich dennoch des Öfteren der Gedanke bei mir ein, dass ich nicht auf dem richtigen Weg bin. Letztlich ist das auch wieder nur eine Bewertung meines Verstandes, und tief in meinem Inneren weiß ich, dass es keine richtigen oder falschen Wege gibt. Es gibt nur Umwege, die deine Ortserkenntnis erhöhen. Dazu sagte mir mal jemand, dass Umwege auch eine Vorbereitung sein können, auf das, was danach kommt. Das hat meine Perspektive enorm verändert und mir eine Sache bewusst gemacht, die ich immer mal wieder vergesse:

Unangenehme und schwierige Phasen gehören zum Leben genauso dazu wie die schönen und bedeuten nicht, dass wir auf dem falschen Weg unterwegs sind. Es geht vielmehr darum, diese Phasen anzunehmen und wertzuschätzen. Sie haben auch ihre Daseinsberechtigung und wir brauchen sie – genauso wie die Pflanzen den Regen brauchen. Denn sind es nicht gerade die unangenehmen Stellen im Leben, in denen wir wieder spüren, was uns wichtig ist und was wir uns wünschen? Letztlich werden wir durch diese Rüttelstrecken auch wieder für unseren weiteren Lebensweg gestärkt.

In schwierigen Phasen greife ich gerne zu Poesie. Rainer Maria Rilke hat ein sehr schönes Gedicht verfasst, in dem er einem jungen Dichter rät, Geduld zu haben. Ich bin jedes Mal aufs Neue berührt, wenn ich die Verse lese. Vielleicht tun sie dir ja auch gut.

Alles Liebe
Marie-Kathrin

Über die Geduld — Rainer Maria Rilke (1903)

Man muss den Dingen
die eigene, stille
ungestörte Entwicklung lassen,
die tief von innen kommt,
und durch nichts gedrängt
oder beschleunigt werden kann.
Alles ist austragen –
und dann gebären…

Reifen wie der Baum,
der seine Säfte nicht drängt
und getrost in den Stürmen des Frühlings steht,
ohne Angst,
dass dahinter kein Sommer
kommen könnte.
Er kommt doch!

Aber er kommt nur zu den Geduldigen,
die da sind, als ob die Ewigkeit vor ihnen läge,
so sorglos, still und weit…

Man muss Geduld haben
gegen alles Ungelöste in seinem Herzen,
und versuchen, die Fragen selber lieb zu haben,
wie verschlossene Stuben
und wie Bücher, die in einer sehr fremden Sprache
geschrieben sind.

Forsche jetzt nicht nach den
Antworten,
die dir nicht gegeben werden können,
weil du sie nicht leben könntest.
Und es handelt sich daru
m
alles zu leben.

Lebe jetzt die Fragen!
Vielleicht lebst du dann allmählich,
ohne es zu merken,
eines fernen Tages
in die Antwort hinein.

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